WM 2018

Puh, das war ein Jahr. Zwischen September 2017 und September 2018 ist einiges passiert. So richtig realisiert habe ich das, als meine roten Rückennummern per Post geschickt wurden. Für alle Nicht-Judokas: normalerweise haben wir auf unseren Judoanzügen auf dem Rücken einen Aufnäher mit unserem Namen, Nationalität oder Verein.

Diese Aufnäher sind blau. Neben den blauen Aufnähern gibt es noch rote und goldene Aufnäher. Rote Aufnäher bekommen nur die, die Weltmeister oder Weltmeisterin sind. Sie dürfen dann für ein Jahr den Aufnäher tragen – das verlängert sich nur, wenn im Jahr darauf wieder der Titel geholt wird. Sprich: amtierende Weltmeister/Weltmeisterinnen tragen immer die roten Aufnäher. Die Creme de la Creme sind goldene Rückenschilder: dieses Privileg haben nur die Olympiasieger einer Gewichtsklasse. Im Gegensatz zu den roten Schildern dürfen die Olympiasieger/-innen ihr goldenes Schild ganze vier Jahre tragen.

Zurück zur WM: neben vielen Presseterminen und einer leider mehr als halbjährigen Verletzung, einer Schambeinentzündung, habe ich stets im Kopf gehabt, den Titel verteidigen zu wollen – was natürlich leider gesagt als getan ist.

Ich wurde gerade zum richtigen Zeitpunkt wieder fit und habe die Trainingslager in Japan, Spanien, Weißrussland und Deutschland mitgemacht. Eins war klar: ich bin jetzt der Gejagte. 2017 hat keiner mit mir gerechnet, jetzt, bei der WM 2018, bin ich derjenige, dem das rote Rückenschild abgenommen werden soll. Verständlich, denn mein Ziel war es damals, Weltmeister zu werden und gleichzeitig wollte ich auch den Titel nicht mehr hergeben.

Fairerweise und weil ich auch einen Kopf zum Denken habe, war mir klar, dass das nicht so einfach wird, wie man es sich das vielleicht vorstellt. Eine Medaille war deshalb mein Ziel.

Und ja: es war ziemlich anstrengend, die Gegner haben mir wahrlich das Leben nicht leicht gemacht und es waren harte Kämpfe. Ich bin ehrlich: der Türke, den ich im Viertelfinale nicht besiegen konnte, war eine harte Nuss und ich habe kein Mittel gegen ihn gefunden. In diesem Kampf war er der Bessere. Das zuzugeben gehört zum Sport dazu: mal gewinnt man, mal verliert man. Man soll nur die die Bodenhaftung nicht verlieren.

Zum Glück habe ich nach der Niederlage im Viertelfinale noch die Möglichkeit gehabt, mir über die Trostrunde noch eine Medaille zu erkämpfen. Es ist eine riesige Herausforderung, sich nach der vorherigen Niederlage nochmal aufzuraffen und sich zu motivieren. Hätte ich im darauffolgenden Kampf verloren, wäre ich ohne Medaille dagestanden und auf einem undankbaren sieben Platz gelanden. Hier die Nerven zu bewahren ist echt wichtig. Erst nachdem man diesen Kampf gewinnt, kann man um Platz 3 und somit um die Bronze-Medaille kämpfen. Der erste Kampf in der Trostrunde war gegen den belgischen Junioren-Weltmeister Casse. Nachdem ich diesen Kampf für mich entscheiden konnte, ist das Worst-Case Szenarium eingetreten: Ausgerechnet gegen meinen Mannschaftskollegen, mit dem ich zusammen auf Trainingslagern bin, zusammen trainiere und zusammen esse, musste ich um Bronze kämpfen.

Wir kennen uns gut, wir wissen genau, wie der andere kämpft und das ist einfach eine blöde Situation. Doch was solls, das ist der Sport und da braucht man nicht viele Worte drüber verlieren. Kurz vor dem Ende der regulären Kampfzeit habe ich ihn mit Seoi-Nage werden können und damit einen Platz auf dem Podium sicher gehabt. BRONZE, ein Jahr nach dem Gewinn der Goldmedaille wieder eine Medaille erkämpft zu haben, hat sich sehr gut angefühlt.

Oftmals schaffen es die Vorjahres-Sieger gar nicht mehr aufs Podium bei der nachfolgenden WM. Als Beispiel erzähle ich gerne über die -90kg Klasse: alle, die 2017 eine Medaille erkämpft haben, standen 2018 nicht mehr auf dem Podium. Das hat nichts damit zu tun, dass sie schlechter geworden sind, sondern es ist ein Zeichen dafür, wie eng die Leistung in der Spitze ist.

So ist es auch in der -81kg Klasse: von den Vorjahressiegern haben es nur zwei wieder auf das Podium geschafft. Der Bronze-Medaille Gewinner von 2017 hat 2018 den Titel geholt und ich konnte Bronze holen. Alle anderen Medaillengewinner aus 2017 sind frühzeitig ausgeschieden.

Interessant ist, dass 64 Teilnehmer aus 55 Nationen an den Start gegangen sind. Bei einer WM ist es pro Nation erlaubt, dass pro Nation 9 Kämpfer/-innen an den Start gehen, also dürfen von insgesamt 7 Gewichtsklassen, zwei Gewichtsklassen doppelt besetzt werden.

Im Judo ist die Leistungsdichte extrem hoch: in fast jedem Land der Welt kann Judo gemacht werden. Man braucht nicht viel Zubehör, lediglich einen Anzug, Gürtel und eine Matte. Schon kann das Training losgehen. Deshalb sind auch so viele Nationen im Verhältnis zu der Teilnehmeranzahl vertreten.

Rundum war es eine schöne WM in einem sehr gastfreundlichen Land. Als Reiseziel ist Baku definitiv eine Reise wert!

 

Quelle Bilder: www.eju.net

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